Agentic ERP: werden klassische ERP-Systeme überflüssig?
«Ab 2027 bedienen wir keine Software mehr – wir managen Ergebnisse.» So pointiert fasst der Kanal «Der ERP Checker» im Januar 2026 zusammen, was unter dem Begriff Agentic ERP diskutiert wird. Ich habe sechs der meistdiskutierten YouTube-Beiträge zum Thema ausgewertet und den Prognosen die verfügbaren Zahlen gegenübergestellt. Das Ergebnis fällt differenzierter aus als beide Lager behaupten.
Was mit Agentic ERP gemeint ist
Ein klassisches ERP-System ist ein System of Record: Es hält fest, was geschehen ist. Eine Bestellung wird erfasst, eine Rechnung verbucht, ein Lagerbestand fortgeschrieben. Den Anstoss zu jeder dieser Buchungen gibt ein Mensch über eine Eingabemaske.
Agentic ERP beschreibt die Weiterentwicklung zum System of Action – der Begriff stammt aus der Produktankündigung des Anbieters Xentral vom März 2026 und beschreibt die Veränderung am nüchternsten. Software erhält ein Ziel und wählt den Weg dorthin selbst. Der Unterschied zur bekannten Automatisierung liegt in der Freiheit: Ein Workflow folgt einer festgelegten Regel, ein Agent entscheidet innerhalb eines Rahmens.
Christian Segurado, Microsoft MVP im Dynamics-Umfeld, benennt die Folge davon in einem Podcast vom Mai 2026 präzise:
«It is probabilistic, not deterministic.» Christian Segurado bei nz365guy, 11.05.2026
Damit ist der entscheidende Punkt für jede Finanzfunktion benannt. Ein deterministisches System liefert bei gleicher Eingabe stets dasselbe Ergebnis. Ein probabilistisches System liefert das wahrscheinlichste. Für eine Kreditorenbuchung ist dieser Unterschied erheblich.
Die These der Befürworter
Die radikale Lesart stammt vom ERP Checker und reicht weit über die Software hinaus. Der Kanal fasst sie in geprägten Schlagwörtern zusammen; vier davon verdienen Beachtung, weil sie geschäftliche Konsequenzen beschreiben:
- «Vom Operator zum Supervisor» – Mitarbeitende überwachen Ergebnisse, statt Masken zu bedienen. Für die Buchhaltung hiesse das eine Verschiebung vom Erfassen zum Beurteilen.
- «Tod der Eingabemaske» – die Interaktion verlagert sich in Sprache und Chat. Kundenbindung über gewohnte Oberflächen verliert damit an Wert, Datenqualität gewinnt.
- «Autonome Supply Chain» – Agenten sollen Bestände überwachen, Preise verhandeln und selbstständig einkaufen.
- «Data Hygiene» – wer seine Stammdaten ungeordnet lässt, wird nach dieser Lesart für fremde Einkaufsagenten unsichtbar.
Zwei Einordnungen gehören dazu. Der Kanal weist seine Aussagen selbst als «persönliche Einschätzung und Erfahrung» aus. Und die Beiträge, die den Nutzen am deutlichsten belegen, stammen aus dem Grosskonzernumfeld: Ragnar Pitla, Enterprise AI Architect bei Microsoft, nennt im Oktober 2025 Lumen, Honeywell und Coca-Cola als Referenzen. Ein KMU mit 30 Millionen Franken Umsatz findet dort keine Vergleichsgrösse.
Was die Zahlen sagen
Gartner hat im Juni 2025 die bislang belastbarste Einordnung veröffentlicht. Sie fällt in beide Richtungen aus:
| Wert | Aussage |
|---|---|
| über 40 % | der Agentic-AI-Projekte werden bis Ende 2027 abgebrochen – wegen steigender Kosten, unklaren Geschäftsnutzens oder unzureichender Risikokontrollen |
| rund 130 | von mehreren Tausend Anbietern hält Gartner für echte Agentic-AI-Anbieter; der Rest etikettiert Assistenten, RPA und Chatbots um («agent washing») |
| mind. 15 % | der alltäglichen Arbeitsentscheide fallen bis 2028 autonom – gegenüber 0 % im Jahr 2024 |
| 33 % | der Unternehmensanwendungen enthalten bis 2028 Agentic AI – gegenüber unter 1 % im Jahr 2024 |
Anushree Verma, Senior Director Analyst bei Gartner, ordnet den heutigen Stand so ein: Die meisten Vorhaben seien Experimente und Machbarkeitsnachweise, «mostly driven by hype and are often misapplied». Ihr zweiter Satz trifft die Praxis noch härter: Viele Anwendungen, die heute als agentisch vermarktet werden, brauchen überhaupt keine agentische Umsetzung.
Diese Diagnose deckt sich mit der unabhängigen Beratungsseite. Eric Kimberling von Third Stage Consulting stellt seinem Beitrag mit der grössten Reichweite der Auswertung die Frage voran, wie viel vom KI-Hype im ERP-Umfeld sich tatsächlich in relevanter Weise materialisiert. Software Connect formuliert im September 2025 direkt, dass echte autonome ERP-Agenten «still years away» seien – und das ist ein Kanal, der von Softwarevermittlung lebt.
Was heute trägt und was Prognose bleibt
Die Trennung zwischen ausgeliefertem Stand und Ankündigung ist die eigentlich nützliche Arbeit an diesem Thema. Aus den sechs Beiträgen ergibt sich folgendes Bild:
| Anwendung | Stand |
|---|---|
| Natürlichsprachliche Abfrage von ERP-Daten (SAP Joule, Microsoft Copilot) | Verfügbar |
| Agenten als Gesprächspartner in Microsoft Teams statt ERP-Maske | Verfügbar, Einrichtungsaufwand erheblich |
| Beschleunigung von Anforderungsaufnahme und Fit-Gap-Analyse im ERP-Projekt | Verfügbar |
| Agenten übernehmen Routine in Service, Analyse, Workflows | Teilweise – als Vision deklariert |
| Autonome Beschaffung mit Preisverhandlung ohne Freigabe | Prognose |
| Verschwinden der Sachbearbeitung aus dem Organigramm | Prognose |
Auffällig ist, wo sich alle sechs Beiträge treffen – Befürworter und Skeptiker gleichermassen. Es ist die Datengrundlage. Segurado bringt es auf ein Bild:
«You cannot start with the roof if you don’t have the foundation.» Christian Segurado bei nz365guy, 11.05.2026
Einschätzung des Autors
Die Frage in der Überschrift beantworte ich mit einem klaren Nein – und die Begründung ist keine technische, sondern eine buchhalterische. Ein ERP-System führt die Geschäftsbücher. Es hält den Beleg, die Spur und die Verantwortung. Diese Funktion braucht Nachvollziehbarkeit, und Nachvollziehbarkeit verlangt Determinismus. Ein probabilistisches System kann eine Buchung vorschlagen, prüfen und begründen. Die Buchung selbst bleibt Sache eines Systems, das bei gleicher Ausgangslage dasselbe Ergebnis liefert.
Was verschwindet, ist die Eingabemaske als Arbeitsplatz. Das ist bereits erheblich: Der Grossteil der Zeit, die in Schweizer KMU-Finanzabteilungen verbraucht wird, geht in Erfassen, Abstimmen und Zusammentragen – Tätigkeiten, für die Agenten heute reif genug sind. Die Bücher selbst werden weiterhin von einem ERP geführt. Es rückt eine Ebene nach hinten und wird zur Datenquelle, die der Agent befragt.
Für Schweizer KMU folgt daraus eine unbequeme Priorität. Die 40-Prozent-Abbruchquote von Gartner entsteht dort, wo Unternehmen mit dem Agenten beginnen. Wer mit den Stammdaten beginnt, hat auch dann gewonnen, wenn die radikale These nie eintritt: Saubere Daten verkürzen den Monatsabschluss unabhängig von jeder KI.
Drei Schritte, die unabhängig vom Ausgang lohnen
Software Connect leitet aus derselben Unsicherheit eine Vorbereitung ab, die ich für tragfähig halte, weil jeder der drei Schritte für sich rentiert:
- Stammdaten bereinigen. Kontenplan, Kostenstellen, Kreditoren, Artikelstamm. Diese Arbeit senkt heute den Aufwand im Abschluss und ist morgen die Voraussetzung für jeden Agenten.
- Berechtigungen und Governance klären. Wer darf welche Daten sehen, wer gibt frei, was wird protokolliert. In vielen KMU ist diese Frage schon ohne KI offen.
- In einem abgegrenzten Bereich erproben. Ein Anwendungsfall, ein messbares Ziel, eine gesetzte Frist. Gartner empfiehlt genau diese Zuordnung: Agenten dort, wo Entscheide anfallen, Automatisierung für Routineabläufe, Assistenten für einfaches Abrufen.
Der dritte Punkt trennt in der Praxis die erfolgreichen Vorhaben von den abgebrochenen. Ein Anwendungsfall mit messbarem Ziel überlebt den ersten Rückschlag. Ein Vorhaben, das die Finanzfunktion als Ganzes umbauen will, überlebt ihn selten.
Auf den Punkt
- Agentic ERP verschiebt das ERP vom System of Record zum System of Action. Die Buchführung selbst bleibt beim ERP, weil sie Nachvollziehbarkeit verlangt.
- Gartner rechnet mit einer Abbruchquote von über 40 % bis Ende 2027 und hält rund 130 von mehreren Tausend Anbietern für echt.
- Verfügbar sind heute natürlichsprachliche Abfragen und Agenten in Teams. Autonome Beschaffung bleibt Prognose.
- Der lohnende erste Schritt sind saubere Stammdaten – sie rentieren unabhängig davon, ob die Agenten kommen.
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Quellen
Ausgewertet wurden Metadaten und die vollständigen Beschreibungen der folgenden YouTube-Beiträge sowie die von den Kanälen selbst veröffentlichten Kapitel und Zitat-Highlights. Wörtliche Transkripte gibt YouTube nicht mehr heraus; Aussagen sind deshalb dem Urheber zugeschrieben und als dessen Position gekennzeichnet.
- Der ERP Checker: Warum KI-Agenten die ERP Software ersetzen (Agentic Shift), 21.01.2026, 21:08 Min.
- Ragnar Pitla (Microsoft / Rbuild.ai): Agentic ERP Explained – What is Agentic ERP?, 08.10.2025, 13:44 Min.
- Xentral ERP Software: Agentic ERP: Wie KI-Agenten die Arbeit im ERP automatisieren, 10.03.2026, 2:21 Min.
- nz365guy – Mark Smith mit Christian Segurado: How Agentic AI Is Rewriting ERP Workflows, 11.05.2026, 28:14 Min.
- Eric Kimberling, Third Stage Consulting: Cutting Through the ERP AI Hype, 07.07.2025, 12:14 Min.
- Software Connect: The Future of ERP: AI Agents, Workflows, and Context Engineering, 10.09.2025, 6:44 Min.
- Gartner, Inc.: Gartner Predicts Over 40% of Agentic AI Projects Will Be Canceled by End of 2027, Pressemitteilung vom 25.06.2025. GARTNER ist eine eingetragene Marke von Gartner, Inc. und seinen Tochtergesellschaften. Die Inhalte sind urheberrechtlich geschützt und werden hier mit Angabe von Titel und Veröffentlichungsdatum aus der öffentlich zugänglichen Pressemitteilung zitiert.
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