BI-Transformation im Finanzbereich: der Weg, den KMU wirklich gehen
Über BI-Vorhaben wird meist als Werkzeugfrage gesprochen: Power BI oder Tableau, Cloud oder eigener Server. In den Mandaten, die ich begleite, entscheidet sich der Erfolg an anderer Stelle. Ich habe vier vielbeachtete Fachgespräche aus dem deutschsprachigen BI-Umfeld ausgewertet und mit den aktuellen Zahlen zur Schweizer KMU-Landschaft zusammengeführt. Das Muster ist eindeutig.
Was BI-Transformation im Finanzbereich bedeutet
Business Intelligence bezeichnet den Weg von Rohdaten zu Entscheidungsgrundlagen: Daten werden aus den Vorsystemen geholt, zusammengeführt, geprüft und so aufbereitet, dass eine Geschäftsleitung damit arbeiten kann. Der Begriff Transformation kommt hinzu, weil sich dabei die Arbeitsweise der Finanzabteilung verändert und selten allein die Werkzeugausstattung.
Für den Mittelstand zeigen die Zahlen einen deutlichen Zug in diese Richtung. Laut der KMU-Arbeitsmarktstudie der AXA Schweiz vom Oktober 2025 setzen 32 Prozent der Schweizer KMU künstliche Intelligenz für Datenanalysen ein, nach 22 Prozent im Vorjahr. Der Anteil der Unternehmen, die KI bewusst in ihre Arbeitsprozesse integrieren, ist im selben Zeitraum von 22 auf 34 Prozent gestiegen.
Der häufigste Fehler beginnt bei der Werkzeugfrage
In den Gesprächen, die ich zu diesem Thema ausgewertet habe, fällt eine Reihenfolge auf. Dennis Hoffstädte, Gründer der DatenPioniere, begleitet den deutschen Mittelstand seit über einem Jahrzehnt bei Power-BI-Einführungen. In seinem Gespräch mit Andreas Wiener auf dem Kanal BI or DIE ordnet er die Toolfrage bewusst hinter Ziele und Vorgehensmodell ein – die Kapitelfolge seines Beitrags beginnt mit der Zielgruppe, führt über Ziele zum Vorgehensmodell und behandelt die Software danach.
Denselben Befund liefert die Anbieterseite. Jens Horstmann, Vorstand der TREVISTO AG, benennt in der Ankündigung zu seinem Podcast von Ende 2022 vier Symptome einer gewachsenen Excel-Landschaft: steigender Handaufwand, zunehmende Fehlerzahl, Ergebnisse, die «oft nicht mehr nachvollziehbar» sind, und eine Pflege, die «an dem Mitarbeiter hängt, der die Excel-Tabelle ursprünglich gebaut hat». Von diesen vier verschwindet keines durch den Kauf einer Lizenz.
Vier Reifegrade, die ich unterscheide
Für die Einordnung eines Unternehmens arbeite ich mit vier Stufen. Sie sind mein Arbeitsmodell aus Mandaten und ergeben eine brauchbare Landkarte, weil jede Stufe eine eigene nächste Aufgabe mitbringt.
| Stufe | Woran Sie sie erkennen | Nächste Aufgabe |
|---|---|---|
| 1 Sammeln | Zahlen liegen in mehreren Tabellen, jeder Bericht entsteht neu, Aussagen weichen je nach Quelle ab | Eine verbindliche Quelle je Kennzahl festlegen |
| 2 Standardisieren | Ein wiederkehrendes Berichtspaket steht, die Erstellung bleibt Handarbeit | Datenabzug aus dem ERP automatisieren |
| 3 Automatisieren | Berichte aktualisieren sich selbst, die Geschäftsleitung greift eigenständig zu | Abweichungen kommentieren statt Zahlen zusammentragen |
| 4 Vorausschauen | Forecast und Szenarien laufen auf derselben Datenbasis wie das Reporting | Entscheide an Szenarien knüpfen |
Die meisten KMU, die mich ansprechen, stehen zwischen Stufe 1 und 2. Der Sprung, der ihnen am meisten bringt, führt auf Stufe 3 – und er beginnt mit einer unspektakulären Arbeit: der Definition, welche Zahl woher kommt.
Ein Vorgehen, das im Mittelstand trägt
Hoffstädte betont, dass sich das Vorgehen im Mittelstand von dem im Konzern unterscheidet, und beschreibt als ersten Schritt einen Planungs- und Informationsworkshop. Diese Reihenfolge deckt sich mit meiner Erfahrung. Vier Phasen haben sich bewährt:
- Zielbild und Kennzahlen festlegen. Welche zehn bis fünfzehn Zahlen steuern das Geschäft? Diese Liste entsteht mit der Geschäftsleitung, nicht in der IT-Abteilung.
- Datenherkunft klären. Je Kennzahl eine Quelle, eine Definition, eine verantwortliche Person. Dieser Schritt deckt regelmässig auf, dass zwei Abteilungen denselben Begriff unterschiedlich rechnen.
- Erstes Cockpit bauen und in Betrieb nehmen. Ein abgegrenzter Umfang, der nach wenigen Wochen läuft, statt eines vollständigen Berichtswesens nach einem Jahr.
- Ausbauen und übergeben. Weitere Bereiche anschliessen, Zuständigkeit an das Team übertragen.
Warum Self Service häufig enttäuscht
Ein Punkt aus dem Gespräch mit Hoffstädte verdient besondere Beachtung, weil er einer verbreiteten Erwartung widerspricht: Schulungen und Self Service funktionieren nicht immer. Die Vorstellung, dass Fachabteilungen sich nach einem Kurstag ihre Berichte selbst bauen, hält der Praxis selten stand.
Maximilian Laturnus schildert in einem Beitrag desselben Kanals Self-Service-Reporting aus der Anwendersicht bei Carl Zeiss Vision und beschreibt es als Weg mit klaren Schritten. Genau darin liegt die Bedingung. Self Service trägt, sobald ein geprüftes Datenmodell darunter liegt und die Kennzahlen definiert sind. Ohne diese Grundlage entstehen mehrere Wahrheiten in neuen Werkzeugen – dieselbe Lage wie vorher, mit höheren Lizenzkosten.
Einschätzung des Autors
BI-Vorhaben im Mittelstand scheitern an drei Stellen, und die Software gehört zu keiner davon. Erstens an fehlenden Definitionen: Solange «Umsatz» in Vertrieb und Buchhaltung zwei verschiedene Zahlen bezeichnet, produziert jedes Dashboard Diskussionen statt Entscheide. Zweitens am Umfang: Wer alles gleichzeitig abbilden will, liefert nach einem Jahr nichts Benutzbares. Drittens an der Zuständigkeit: Ein Cockpit ohne Eigentümer verwaist innerhalb von zwei Quartalen.
Daraus folgt meine Empfehlung für den Einstieg. Nehmen Sie den Bericht, über den Ihre Geschäftsleitung monatlich ohnehin spricht, und bringen Sie genau diesen auf eine automatisierte Grundlage. Der Nutzen ist am ersten Tag sichtbar, die Zahl der Beteiligten bleibt klein, und Sie lernen Ihre Datenlage an einem echten Fall kennen.
Zur Werkzeugfrage: Für Schweizer KMU führt der Weg in den meisten Fällen über Power BI, weil Microsoft 365 ohnehin vorhanden ist und die Lizenzhürde damit niedrig bleibt. Diese Wahl ist eine Folge der bestehenden Landschaft und verdient in einem Vorhaben die geringste Diskussionszeit.
Auf den Punkt
- BI-Transformation verändert die Arbeitsweise der Finanzabteilung, die Werkzeugwahl ist der kleinste Teil davon.
- 32 % der Schweizer KMU nutzen KI für Datenanalysen, nach 22 % im Vorjahr (AXA, Oktober 2025).
- Vier Reifegrade: Sammeln, Standardisieren, Automatisieren, Vorausschauen. Die meisten KMU stehen zwischen 1 und 2.
- Self Service trägt erst, sobald ein geprüftes Datenmodell und verbindliche Kennzahldefinitionen darunter liegen.
- Der lohnende Einstieg ist ein Bericht, über den die Geschäftsleitung monatlich ohnehin spricht.
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Quellen
Ausgewertet wurden Metadaten und die vollständigen Beschreibungen der folgenden YouTube-Beiträge sowie die von den Kanälen selbst veröffentlichten Kapitel und Zitat-Highlights. Wörtliche Transkripte gibt YouTube nicht mehr heraus; Aussagen sind deshalb dem Urheber zugeschrieben und als dessen Position gekennzeichnet.
- AI or DIE (BI or DIE) mit Dennis Hoffstädte, DatenPioniere: BI im Mittelstand, 04.04.2023, 33:56 Min.
- AI or DIE (BI or DIE) mit Maximilian Laturnus, Carl Zeiss Vision: Self Service Reporting in der Praxis – Digitales Controlling im Mittelstand, 29.11.2022, 4:16 Min.
- KIundTECH Podcast mit Jens Horstmann, TREVISTO AG: Power BI statt Excel im Controlling: Controlling Dashboards & automatisiertes Reporting, 25.12.2022, 42:38 Min.
- KIundTECH Podcast mit Jens Horstmann, TREVISTO AG: Controlling mit Power BI: Ohne Excel, automatisiert Berichte erstellen, 18.07.2023, 35:26 Min.
- AXA Schweiz: KMU-Arbeitsmarktstudie 2025 – Künstliche Intelligenz erobert Schweizer KMU, Medienmitteilung vom 08.10.2025.
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