KI im Finanzwesen: Praxisguide für den Mittelstand
Der Anteil der Schweizer KMU, die künstliche Intelligenz bewusst in ihre Arbeitsprozesse integrieren, ist innerhalb eines Jahres von 22 auf 34 Prozent gestiegen. Die Frage lautet damit selten, ob KI im Finanzbereich ankommt, sondern womit man beginnt. Dieser Beitrag ordnet die verfügbaren Anwendungen nach Reifegrad und beschreibt eine Vorgehensreihenfolge für Schweizer Verhältnisse.
Wo Schweizer KMU heute stehen
Die KMU-Arbeitsmarktstudie der AXA Schweiz vom Oktober 2025 liefert die belastbarste Momentaufnahme. Der Anteil der Unternehmen, die KI bewusst in Arbeitsprozesse integrieren, stieg von 22 auf 34 Prozent. Weitere 37 Prozent erproben die Technologie, nach 33 Prozent im Vorjahr. Der Anteil der Unternehmen ohne jeden Einsatz sank von 45 auf 29 Prozent.
Aufschlussreich ist die Verteilung der Anwendungen. Vorne liegen kommunikative Aufgaben: Übersetzungen mit 52 Prozent, Korrespondenz mit 47 Prozent. Die Optimierung von Arbeitsschritten erreicht 34 Prozent nach 23 Prozent, Datenanalysen 32 Prozent nach 22 Prozent. Die Wahrnehmung folgt der Nutzung: 45 Prozent bewerten KI positiv nach 35 Prozent im Vorjahr, und unter den Anwendern sehen 60 Prozent eine Chance gegenüber 8 Prozent, die eine Bedrohung sehen.
Kathrin Braunwarth, Leiterin Data, Technology and Innovation bei der AXA Schweiz, ordnet die Entwicklung so ein, dass viele Unternehmen die Erprobungsphase hinter sich gelassen haben und KI nun bewusst in ihre Arbeitsprozesse integrieren.
Anwendungen nach Reifegrad
Für die Finanzfunktion ergibt sich aus den ausgewerteten Beiträgen folgende Einordnung. Die Spalte Reife bezeichnet, wie belastbar der Einsatz im Tagesgeschäft eines KMU heute ist.
| Anwendung | Nutzen | Reife |
|---|---|---|
| Belegerfassung und Kontierungsvorschlag | Erfassungsaufwand in der Kreditorenbuchhaltung | Hoch |
| Korrespondenz, Mahnwesen, Textbausteine | Zeit im Debitorenmanagement | Hoch |
| Abfrage und Zusammenfassung von Berichten | Kürzere Schleife zwischen Frage und Antwort | Hoch |
| Abweichungsanalyse und Kommentierung | Vorbereitung des Monatsrapports | Mittel |
| Splitbuchungen und komplexe Kontierung | Fälle, die heute Rückfragen auslösen | Mittel |
| Forecast und Szenarien | Vorausschau statt Rückschau | Modellabhängig |
| Autonome Freigabe von Zahlungen | — | Nicht empfohlen |
Die Belegerfassung steht aus gutem Grund zuoberst. Der Anbieter bimetrics zeigte im Dezember 2025 ein Agentenverfahren, das Belege nach ihrer Bedeutung interpretiert statt nach starren Regeln, und führt als Beispiele die korrekte Zuordnung von Hardware-Einkäufen sowie Splitbuchungen bei Bewirtungsbelegen an. Eine Lab-Session des Kanals TAXPUNK vom Januar 2026 vergleicht die DATEV-KI-Buchhaltung mit einem alternativen Ansatz und behandelt dabei ausdrücklich die Stolpersteine bei der Einführung.
Die Reihenfolge, die sich bewährt
Die Schweizer TreuVision AG bringt in einem kurzen Beitrag eine Haltung auf den Punkt, die ich teile: KI als Co-Pilot, kombiniert mit menschlichen Stärken. Daraus leitet sich eine Vorgehensreihenfolge ab:
- Beginnen Sie beim höchsten Mengengerüst. Der Ablauf mit den meisten Wiederholungen im Jahr bringt den grössten absoluten Gewinn. In den meisten KMU ist das die Kreditorenerfassung.
- Halten Sie den Menschen in der Freigabe. Vorschlagen darf die Maschine, freigeben ein Mensch. Diese Trennung schützt die Buchführung und lässt fast den ganzen Zeitgewinn zu.
- Messen Sie vorher und nachher. Erfassungszeit je Beleg, Zahl der Rückfragen, Dauer bis zum Abschluss. Ohne Ausgangswerte bleibt jede Wirkung Behauptung.
- Regeln Sie den Datenfluss, bevor Sie ausrollen. Welche Daten das Unternehmen verlassen dürfen und welche im Haus bleiben, gehört schriftlich geklärt.
Drei Fragen, die vorher geklärt gehören
- Wo liegen die Daten? Für Lohn- und Personendaten gilt das Datenschutzgesetz. Die Frage nach dem Verarbeitungsort und dem Auftragsverhältnis gehört vor die Einführung, nicht danach.
- Wer prüft die Ergebnisse? Ein Kontierungsvorschlag bleibt ein Vorschlag. Solange die Trefferquote unbekannt ist, wird jeder Fall geprüft.
- Was passiert bei Ausfall? Ein Verfahren, das ohne den Dienst stillsteht, braucht einen beschriebenen Rückfallweg.
Einschätzung des Autors
Der grösste Fehler im Mittelstand ist die Suche nach dem grossen Wurf. Unternehmen vergleichen monatelang Plattformen und übersehen dabei, dass in der Kreditorenerfassung seit Jahren derselbe Handgriff hunderte Male im Jahr anfällt. Dort liegt der Gewinn, und er ist ohne Strategiepapier erreichbar.
Meine zweite Beobachtung betrifft die Erwartung an die Genauigkeit. Eine Kontierung, die in neun von zehn Fällen stimmt, klingt nach zu wenig für die Buchhaltung – bis man nachrechnet, dass die Prüfung eines Vorschlags einen Bruchteil der Zeit einer Neuerfassung kostet. Die richtige Vergleichsgrösse ist der Aufwand, selten die Fehlerfreiheit.
Und eine Grenze, die ich klar ziehe: Zahlungsfreigaben bleiben beim Menschen. Die Zahlen von Gartner zu autonomen Systemen zeigen zwar einen Trend zu mehr Selbstständigkeit, doch bis mindestens 2028 spricht selbst diese Prognose von 15 Prozent der Arbeitsentscheide. Eine Zahlungsfreigabe gehört zu den restlichen 85.
Auf den Punkt
- 34 % der Schweizer KMU integrieren KI bewusst in Arbeitsprozesse, nach 22 % im Vorjahr; ohne Einsatz sind noch 29 % (AXA, Oktober 2025).
- Hohe Reife haben Belegerfassung, Korrespondenz und Berichtsabfrage. Forecast bleibt modellabhängig.
- Beginnen Sie beim höchsten Mengengerüst – meist die Kreditorenerfassung.
- Vorschlagen darf die Maschine, freigeben ein Mensch. Diese Trennung erhält fast den ganzen Zeitgewinn.
- Ohne Ausgangswerte bleibt jede Wirkung Behauptung: Erfassungszeit und Abschlussdauer vorher messen.
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Quellen
Ausgewertet wurden Metadaten und die vollständigen Beschreibungen der folgenden YouTube-Beiträge sowie die von den Kanälen selbst veröffentlichten Kapitel und Zitat-Highlights. Wörtliche Transkripte gibt YouTube nicht mehr heraus; Aussagen sind deshalb dem Urheber zugeschrieben und als dessen Position gekennzeichnet.
- TAXPUNK: KI-Buchhaltung in der Praxis – DATEV & Alternativen im Vergleich, 27.01.2026, 88:43 Min.
- bimetrics: So automatisieren KI-Agenten deine Buchhaltung in 2026, 26.12.2025, 8:41 Min.
- TreuVision AG (Schweiz): KI im Finanzwesen: Chancen, Herausforderungen & Tipps, 12.02.2024, 2:38 Min.
- Der ERP Checker: Warum KI-Agenten die ERP Software ersetzen (Agentic Shift), 21.01.2026, 21:08 Min.
- AXA Schweiz: KMU-Arbeitsmarktstudie 2025 – Künstliche Intelligenz erobert Schweizer KMU, Medienmitteilung vom 08.10.2025.
- Gartner, Inc.: Gartner Predicts Over 40% of Agentic AI Projects Will Be Canceled by End of 2027, Pressemitteilung vom 25.06.2025. GARTNER ist eine eingetragene Marke von Gartner, Inc. und seinen Tochtergesellschaften. Die Inhalte sind urheberrechtlich geschützt und werden hier mit Angabe von Titel und Veröffentlichungsdatum aus der öffentlich zugänglichen Pressemitteilung zitiert.
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